Der große CO2-Fußabdruck der Endoskopie
Die Endoskopie – ein Klimakiller? Auf den Gedanken kommt der Laie erst einmal nicht. Aber Dr. Serhat Aymaz unterstreicht die Notwendigkeit des Projekts mit Zahlen. Der Chefarzt der Inneren Medizin der GFO Kliniken Rhein-Berg und Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Intensivmedizin rechnet vor: Rund 440 MilliardenTonnen an Treibhausgasen werden global in die Atmosphäre geblasen. Weltweit gehen davon zwei Milliarden auf Kosten der Gesundheitsversorgung. Und die Gastroenterologie, deren wesentliches Werkzeug die Endoskopie ist, verzeichnet dabei einen Anteil von rund 700 Millionen Tonnen. Das soll sich ändern. Deshalb nehmen Chefarzt Dr. Aymaz und die Fachabteilung Innere Medizin der GFO Kliniken Rhein-Berg gemeinsam mit dem Medizinproduktehersteller Boston Scientific an einem Pilotprojekt zur Reduzierung von Treibhausgasen in der Gastroenterologie teil. Es läuft seit rund sechs Monaten, wird bald abgeschlossen sein und dann die mit Spannung erwarteten Ergebnisse präsentieren. 2023 war global gesehen das heißeste Jahr seitdem es Wetteraufzeichnungen gibt. Seit Beginn des industriellen Zeitalters hat sich die Temperatur auf dem Planeten im Mittel um knapp 1,5 Grad erhöht. Vor diesem Hintergrund sieht Dr. Serhat Aymaz auch die Medizin und insbesondere die Gastroenterologie in der Pflicht. Deshalb will er einen Beitrag leisten, den CO2-Fußabdruck seiner Fachdisziplin zu reduzieren. Dabei fallen im gesamten Bereich der Endoskopie Treibhausgase an: Die Kette reicht von der Entwicklung und Produktion von Endoskopen über den Transport und die Entsorgung der Geräte und ihres Zubehörs bis hin zur benötigten Infrastruktur (vor allem Heizung und Strom, denn Prozessoren und Waschmaschinen laufen praktisch Tag und Nacht, weshalb der Bereich sehr energieintensiv ist). Deshalb zeichnet die Gastroenterologie für ein Drittel aller im Gesundheitswesen anfallenden CO2-Emissionen verantwortlich. Wer es noch genauer wissen will, kann lernen: Für die USA hat mal ein Wissenschaftler ausgerechnet, dass der Endoskopiemüll jährlich 117 Fußballfelder mit einer Höhe von einem Meter füllen würde. Das entspricht dem Gewicht von ca. 25.000 Pkw. Denn pro Endoskopie fallen zwei Kilogramm Müll oder umgerechnet 46 Liter Volumen an. Bezogen auf einzelne Patient:innen liegt sie damit gleich hinter dem OP und der Intensivstation. Die Zahlen würden noch viel höher ausfallen, wenn sich die medizinischen Fachgesellschaften nicht erfolgreich den Interessen der Industrie entgegengestellt hätten. Denn die würde gerne mehr Einmalendoskope absetzen. Die aber sind das Hauptmüllproblem, einschließlich schlechter CO2-Bilanz. Deshalb werden in der Gastroenterologie überwiegend Endoskope eingesetzt, die aufbereitet und daher mehrfach verwendet werden können. In zahlreichen Fällen, erklärt Chefarzt Dr. Aymaz, gibt es aber keine gute Alternative zu Einmalendoskopen: zum Beispiel bei Hochrisikopatientinnen und -patienten, bei denen man auch ein noch so kleines Infektionsrisiko vermeiden möchte. Denn auch bei wiederaufbereiteten und gereinigten Endoskopen ist die Keimbesiedlung nicht gleich null. Einmalendoskope werden zudem bei Patient:innen genutzt, die schon mit hoch riskanten Keimen in die Klinik kommen. Und auch zum Beispiel nachts, wenn die normale Teamstärke für die Aufbereitung der Geräte nicht vorhanden ist. Und schließlich gibt es Organe, für die Mehrfachendoskope nicht geeignet sind – zum Beispiel bei der Untersuchung von Gallengang und Bauchspeicheldrüse. Bisher landen die Einmalendoskope in der Regel auf der Mülldeponie. Und das bei einem Einzelpreis zwischen 3.500 und 4.000 Euro. Das ist nicht nur nicht nachhaltig, sondern auch eine Verschwendung von Ressourcen: Denn die Endoskope enthalten unter anderem Halbleiter, Lichtfaser und werthaltige Metalle. Der Druck aus den Kliniken auf die Hersteller wächst deshalb. Dazu kommt die politische Großwetterlage, die die Klimaziele definiert. So nimmt das Bundesklimaschutzgesetz
künftig die Firmen bei der CO2-Vermeidung in die Pflicht, gibt nationale Klimaschutzziele vor, legt die Beiträge der einzelnen Sektoren und die genauen Emissionsmengen fest. Wer also schädliche Klimagase nicht vermeidet, muss Zertifikate kaufen, das heißt: zahlen. Bedeutet zusammengefasst:
Nicht zu recyclen wird perspektivisch teurer als zu recyclen. Auch deshalb hat Boston Scientific das Projekt zur Gastroenterologie gestartet. Chefarzt Dr. Serhat
Aymaz sagt: „Wir sind damit auf dem richtigen Weg. Ich bin froh, dass wir an dem Pilotprojekt teilnehmen können und auf die Ergebnisse gespannt.“ In der Abteilung Innere Medizin der GFO Kliniken Rhein-Berg, hat Dr. Aymaz erlebt, kommt das Projekt gut an. Zum einen, weil es einen künftigen Beitrag zum Klimaschutz verspricht und zum anderen, weil niemand gern Geräte im Wert mehrerer Tausend Euro einfach so in den Müll wirft. Der Aufwand ist dabei nicht höher als bei den Mehrfachendoskopen. Für das Recyclingverfahren werden die benutzten Einmalendoskope vorgereinigt und dann in einen speziellen Behälter
gegeben, den die Firma abholt. Was am Ende des Projekts herauskommt, ist noch offen. Ziel ist es jedoch, mindestens 40 Prozent der Endoskopieanteile
zur recyclen. Wie sich die Wiederverwertung letztendlich auf die Preise der Produkte auswirken wird, ist ebenfalls noch nicht abzusehen. Aber eine Innovation ist am Anfang grundsätzlich immer erst mal kostenintensiv. Dr. Aymaz unterstreicht: Das Pilotprojekt ist nicht der einzige Ansatz zur Reduzierung von Treibhausgasen in der Gastroenterologie. Das Thema ist weiter gefasst. Es besteht aus den drei „R“, erklärt der Mediziner. Eines davon steht für recyclen,
zum Beispiel für das Pilotprojekt mit Boston Scientific. Das zweite „R“ (Reuse – wiederverwenden) meint, noch mehr Mehrfachendoskope anstatt Einmalprodukten einzusetzen. Und das dritte „R“ steht für „Reduce“ – also reduzieren, einschränken. Das, weiß Chefarzt Dr. Aymaz, fällt vielen Ärzt:innen nicht unbedingt leicht, ist für manche auch ein gewöhnungsbedürftiger Ansatz, der da lautet: „Untersuche weniger, man muss nicht jeden Patient endoskopieren. Das ist auch ein wesentlicher Baustein in der Mülleinsparung und CO2-Reduzierung.“
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